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Altwerden im Quartier Beitrag der Redaktion Stadtentwicklung

Projekte und Prozesse: Gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung des Hallo: e.V. im Hamburger Osten

Projekte und Prozesse:
Gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung des Hallo: e.V. im Hamburger Osten

*** Julia Englert, Nina Manz und Kirsten Plöhn ***

Nicht nur STATTBAU HAMBURG feiert 2025 ein Jubiläum. Auch der Hallo: Verein zur Förderung raumöffnender Kultur e.V. zelebriert dieses Jahr sein 10-jähriges Wirken. Als gemeinnütziger Verein erschließt Hallo: e.V. Räume und macht sie zu gemeinschaftlichen Orten. Unsere übergreifenden Themenschwerpunkte sind gemeinwohlorientierte Stadtraum- und Kulturproduktion.

Zu den unterschiedlichen Projekten des Hallo: e.V. zählt das Hallo: Radio, das als offenes Community Radio regelmäßig einen auditiven Raum herstellt. Das Projekt Kiosk bietet eine nachbarschaftliche Anlaufstelle und entwickelt Programme von und mit Kindern und Jugendlichen auf dem Gelände des Alten Recyclinghofs. Die Hallo: Festspiele sind ein künstlerisch forschendes Festival, das internationalen Künstler*innen eine Plattform jenseits vorgefertigter Strukturen bietet. Von zwei weiteren Projekten des Vereins, die gemeinschaftliche Prozesse gemeinwohlorientierter und pluralistischer Stadt- und Raumproduktion langfristig im Hamburger Osten verstetigen, wollen wir hier erzählen: Von dem Freiraum PARKS und dem Modellprojekt Schule am Bullenhuser Damm.

PARKS: Mitbestimmung, Nutzungsvielfalt, Biodiversität – Vom Recyclinghof im Gewerbegebiet zum grünen Freiraum

Alster-Bille-Elbe PARKS, kurz PARKS, ist mehr als ein Projekt; es ist ein Prozess. Es ist ein programmatischer Vorstoß in eine neue Richtung – eine gemeinsame Aushandlung dessen, was öffentlicher Raum sein kann. 2019 auf Initiative der Umweltbehörde Hamburg begonnen, hat sich aus der zunächst nur für ein Jahr ausgeschriebenen Zwischennutzung des Alten Recyclinghofs direkt an Bille ein mittlerweile sechs Jahre dauernder Prozess entwickelt. Als Teil des Alster-Bille-Elbe Grünzugs, der die drei namensgebenden Gewässer perspektivisch durch ein grünes Band verbinden soll, verstehen wir den Grünzug nicht als einheitlichen Park, sondern als eine Reihe vielfältiger Freiräume: PARKS.

In der behutsamen Transformation des ehemaligen Recyclinghofs zu einem grünen Freiraum, arbeitet PARKS radikal mit dem Bestand: Bestehende Strukturen und Architekturen, lokale Flora und Fauna, sowie Akteur*innen und Nachbar*innen. Das Alltagswissen wird als Expert:innenwissen verstanden und ist – ebenso wie der bauliche und landschaftliche Bestand – Grundlage aller Planungen. PARKS steht daher für Konzept und Raum zugleich.

Seit Beginn unterstützen Nachbar*innen, Akteur*innen aus der Stadt und lokale Arbeiter*innen das Projekt. Ohne sie wäre es nicht möglich. Neben Planer*innen, Verwaltung und Politik  arbeiten kulturell Aktive an der Umsetzung. Das Projektteam, initiiert von Hallo: e.V., wird durch das Landschaftsarchitekturbüro atelier le balto erweitert. Alle Beteiligten bringen ihre Netzwerke, Erfahrungen und Ideen ein.

Modellprojekt Schule am Bullenhuser Damm: Gemeinschaftliche Entwicklung eines Begegnungs-, Lern- und Arbeitsortes

Die zum Großteil leerstehende Janusz-Korzak-Schule in Hamburg-Rothenburgsort ist ein bedeutender Erinnerungsort an die Verbrechen des Nationalsozialismus. In der Nacht vom 20. April 1945 ermordete die SS hier zwanzig jüdische Kinder und mindestens 28 Erwachsene. Seit 1944 wurde die Schule als Außenlager des KZ-Neuengamme genutzt. Die 1980 aus zivilgesellschaftlichem Engagement entstandene Gedenkstätte Bullenhuser Damm erinnert an diese grausame Tat.

An diesem historischen Ort entsteht nun das Modellprojekt Schule am Bullenhuser Damm. Aus der ehemaligen Schule soll ein gemeinwohlorientierter Begegnungs-, Lern-, und Arbeitsort werden – solidarisch organisiert und getragen von den Menschen, die sie nutzen. Ziel ist es, in den leerstehenden Räumen einen offenen Ort antifaschistischer Stadtraumproduktion zu schaffen und dabei modellhafte Planungs- und Gestaltungsansätze zu entwickeln. Das Haus soll langfristig durch einen 30-jährigen Mietvertrag gesichert werden und als nicht-profitorientierte Immobilie bestehen bleiben.

Das Konzept eines vielfältigen und bezahlbaren Arbeitsortes wurde für das ehemalige Kraftwerk Bille in Hammerbrook entwickelt und in Kooperation mit dem Bezirksamt Hamburg-Mitte vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Rahmen des Programms „Nationale Projekte des Städtebaus“ mit 7,5 Mio. Euro gefördert. Aufgrund eines Eigentümerwechsels durch einen Share Deal scheiterte das Vorhaben am Kraftwerk. Nach kooperativer und intensiver Prüfung wurde die Schule am Bullenhuser Damm als alternativer Standort gefunden.

Das Modellprojekt umfasst sowohl die Entwicklung eines Ortes als auch die eines Prozesses. Als Ort wird das zu großen Teilen leerstehende und denkmalgeschützte Gebäude im Rahmen einer Public-Civic-Partnership gemeinsam mit der Billebogen Entwicklungsgesellschaft, als städtischer Eigentümerin des Gebäudes, behutsam saniert. Als Prozess umfasst es die gemeinschaftliche Gestaltung und kooperative Entwicklung eines langfristig selbstverwalteten Raumes, der leistbare Arbeits- und Aktionsräume schafft. Durch seinen historischen Kontext verhandeln wir, wie auf stadtgesellschaftliche und geschichtspolitische Fragestellungen im alltäglichen Handeln und Arbeiten Antworten gefunden werden können.

AG OST: Ein Netzwerk für Radikaldemokratische & Solidarische Stadtentwicklung

Der Aktions- und Wirkungsraum des Hallo: e.V. befindet sich im Hamburger Osten, in den Stadtteilen Hammerbrook und Rothenburgsort. Beide Stadtteile sind von umfangreichen städtebaulichen wie sozialräumlichen Transformationsprozessen geprägt. Der Masterplan “Stromaufwärts an Elbe und Bille” wird seit einigen Jahren durch konkrete Projekte im Wohnungsbau und großmaßstäbliche Entwicklungsvorhaben, wie dem “Billebogen” oder “Stadteingang Elbbrücken”, umgesetzt. Infolge dieser Entwicklungen erhöhen sich die Mieten und Bodenpreise und Verdrängungsprozesse verschärfen sich. Aus dieser Situation heraus hat sich vor einigen Jahren unter Beteiligung des Hallo: e.V. die AG OST als gemeinsames Aktionsbündnis unterschiedlicher Gruppen und Initiativen aus den Bereichen Architektur, Kunst, Erinnerungsarbeit, Sport, Bildung, Soziokultur und Stadtentwicklung gegründet. Die AG OST versteht Planung als gemeinsames Tun und Stadt als selbstgemacht. Sie positioniert sich klar für eine gemeinwohlorientierte Stadt- und Bodenpolitik, um Räume zu erhalten und zu schaffen, die für viele und vieles zugänglich und flexibel gestaltbar bleiben.


Die Herstellung gemeinschaftlicher Räume bedarf einer Anerkennung und Planung des Prozessualen. Projektentwicklungen umfassen vielfältige, teils gegenläufige Interessen und Vorstellungen von dem, was Stadt ist und sein kann. Aus den gegenwärtigen, vorrangig profitorientierten Konstellationen gemeinwohlorientierte Orte herzustellen, bedarf ein Sich-Einlassen auf das Unvorhersehbare. Weil vielleicht wird es gut, richtig gut.

 

Julia Englert, Nina Manz und Kirsten Plöhn sind langjährig Aktive beim Hallo: e.V. Aus dieser gemeinsamen Arbeit haben sie mit Weiteren das kollektive Planungs- und Gestaltungsbüro UVM – planen, gestalten, streiten gegründet.