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Artikel Stadtentwicklung

Wohnprojekte – Luxus für wenige oder gesellschaftlicher Bedarf?

*** von Ingrid Breckner ***

Ab Mitte der 90er Jahren sind in Hamburg im Schnitt mehr als 2 Prozent der öffentlich geförderten Wohnungen von und für Wohngruppenprojekte entstanden. Die von Stattbau Hamburg 1997/98 veranstalteten zwei Wohnprojekte-Tage lockten mehrere hundert Interessierte an. Eine von den Grauen Panthern in Hamburg eingerichtete Datenbank für Wohnraumsuchende und -anbietende in Wohngruppenprojekten erfreut sich wachsender Beliebtheit. Was steckt dahinter?

Zwischen Utopien und Wirklichkeiten

Seit den 80er Jahren bestätigen sozialwissenschaftliche Untersuchungen und amtliche Haushaltsstatistiken die Erosion der seit den 50er Jahren im Sozialen Wohnungsbau als Leitnorm geltenden Kleinfamilie. „Neue Haushaltstypen“ (Erika Spiegel) in Form von Singles, Wohngemeinschaften für Frauen und Männer, Studierende, alte Menschen oder Wahlfamilien beginnen auch auf dem Wohnungsmarkt die Struktur der Nachfrage zu bestimmen. Menschen, die nicht mehr den gesamten Zeitraum ihrer Biographie in Familien verbringen wollen, suchen nach anderen gemeinschaftlichen Alternativen, sei es in Wohnprojekten, Nachbarschaften oder Quartierskontexten.

Am Anfang solcher Veränderungsprozesse stehen häufig komplexe Utopien: Die neue soziale Gemeinschaft soll für die Beteiligten möglichst vielen bisher unerfüllten Wünschen eine reale Chance geben. Je heterogener die Gruppe umso vielfältiger wird der Strauß der verfolgten sozialen Utopien im Wohnkontext. Je enger und verbindlicher die neue Wohn-Gemeinschaft konzipiert wird, um so schwerer wird es, alle hiermit verknüpften Utopien ‚unter einen Hut zu bringen‘. Auseinandersetzungen und Konflikte sind vorprogrammiert. In ihnen liegt die Chance zur notwendigen Selbstreflexion der neuen sozialen Wohnvorstellungen.

Toleranz, Ausdauer, Kreativität

Zum Problem entwickelt sich solche soziale Dynamik erst dann, wenn angestrebte Utopien in gruppeninternen und externen Aushandlungsprozessen in realistische Ziele umformuliert werden müssen. Hier werden Grenzen der ökonomischen, politisch-administrativen und sozio-kulturellen Verwirklichung von Utopien und manchmal auch der Zielvorstellungen offenkundig, deren Überwindung eine hohe Konflikt- und Prozeßkompetenz, Toleranz, Ausdauer und Kreativität für neue Lösungen erfordert. Der sich ständig beschleunigende Wandel der Lebensbedingungen aller Mitwirkenden zeigt, daß eine Vergemeinschaftung in homogeneren Zielgruppen dieses Konfliktpotential keineswegs verringert. Konsequenterweise geht der Trend weg von Zielgruppen-Projekten im engen Sinn hin zu selbstbestimmten Wohn-Gemeinschaften für Menschen mit unterschiedlichsten ökonomischen, sozio-kulturellen und politischen Ressourcen, Zielvorstellungen sowie Entwicklungsoptionen.

Innovationsbilanz

Verfügten wir über eine vollständige und systematisierte Dokumentation der in- und ausländischen Geschichte und Praxis innovativen Handelns im Wohnbereich, könnten die vielfältigen in Wohngruppenprojekten verwirklichten und noch angestrebten Innovationsgehalte empirisch konsistent belegt werden. Diesen Projekten gelang in der Vergangenheit die Vernetzung materiell-physischer, ästhetischer, sozialer und normativ regulierender Innovationen im Kontext des Wohnens und deren facettenreiche Verwirklichung in sehr komplexen, vielschichtig nutzbaren Wohnräumen. Wohngruppenprojekte entwickelten sich zu einem experimentellen Laboratorium der Gesellschaft für ökologisches Bauen und Wohnen, neue demokratische Trägerstrukturen und Beteiligungsformen, flexible Finanzierungssysteme und gestalterische Praktiken. Sie könnten der Wohnungswirtschaft und Wohnungspolitik als Kreativitäts- und Innovationspool dienen, wenn diese endlich den Schritt zu einer raumzeitgemäßen Reform des Wohnungswesens wagen würden.

Von der Ausnahme zur Regel?

Das soziale Engagement, das weitgehend unentgeldlich in Wohngruppenprojekten erbracht wird, erfordert materielle und ideelle gesellschaftliche Anerkennung, da es einen wesentlichen Beitrag zur sozialen Konsolidierung des menschlichen Zusammenlebens in städtischen und ländlichen Räumen leistet. Dies bedeutet: Selbstverständliche Unterstützung von möglichst vielfältigen Wohngruppenprojekten anstatt deren Verweis in Nischen der Wohnungsversorgung mit komplizierten Handlungsauflagen, Erleichterung des Zugangs für alle Typen von Wohngruppenprojekten in alle Bereiche der Wohnbauförderung, Anpassung der Wohnbauförderung und öffentlichen Grundstücksvergabe an die Bedarfe unterschiedlicher Wohngruppenprojekte nach vorliegenden Erfahrungen, öffentliche Aufmerksamkeit für soziale, kulturelle, wirtschaftliche, politisch-administrative und ökologische Leistungen von Wohngruppenprojekten in Medien und Bildungsprozessen sowie Evaluation des innovativen Handelns in Wohngruppenprojekten und Umsetzung dieser Ergebnisse in wohnungswirtschaftliche und wohnungspolitische Lernprozesse.

Die Verwirklichung dieser Empfehlungen würde Leerstände von Wohn- und Gewebeflächen vermeiden, die soziale Entwicklung von Stadtquartieren und Dörfern stabilisieren bzw. kreativ befruchten und gesellschaftliche Ressourcen der Wohnbevölkerung für die Verwirklichung vitaler Interessen mobilisieren.

Ingrid Breckner ist Stadt- und Regionalsoziologin und Professorin an der TU Hamburg-Harburg mit langjähriger theoretischer und empirischer Praxis zum Themenkreis Wohngruppenprojekte.

Zuerst veröffentlicht: Freihaus 4(1999), Hamburg