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Beitrag der Redaktion Selbstverwaltung Wohnprojekte für besondere Zielgruppen

Mitbestimmen, mitgestalten, miteinander leben.

Selbstverwaltung in Hamburger Wohnstiftungen

*** Sabine Natebus ***

Die Hamburger Wohnstiftungen leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum und sozialen Angeboten in der Stadt. In vielen dieser traditionsreichen Wohnanlagen und Einrichtungen werden gemeinschaftliches Leben und gute Nachbar*innenschaft aktiv gestaltet. Drei besonders gelungene Beispiele stellen wir vor: Die Georg-Behrmann-Stiftung in Bergedorf sowie die Leja-Stiftung und die von Nyegaard-Stiftung in Altona.

Ein Hausbeirat gestaltet mit

In der Georg-Behrmann-Stiftung, die in Hamburg-Bergedorf 161 Servicewohnungen in ihrem Bestand hat, gestaltet ein aktiver Hausbeirat das gemeinschaftliche Leben maßgeblich mit. Das Gremium besteht aus fünf Personen und wird alle zwei Jahre neu gewählt. Der Hausbeirat vertritt die Interessen der Mieter*innen, bringt Anregungen und Wünsche ein und setzt wichtige Impulse für die Weiterentwicklung einer lebendigen Nachbarschaft. Zudem unterstützt er die Planung und Durchführung zahlreicher Veranstaltungen. Das vielfältige Programm reicht von regelmäßigem Singen, Meditation und Kreativangeboten über Sport und Tanz bis hin zu einem selbstorganisierten Café sowie Lesungen, Klassikkonzerten, Jazz- und Kunstvorträgen.

Marlene Sobottka, Mitarbeiterin für das Servicewohnen und die soziale Betreuung, freut sich über die Initiativen und das Engagement aus den eigenen Reihen: „Jahreszeitliche Feste und Ausflüge sind Höhepunkte im Jahresverlauf. Dabei bringen sich viele Mieter*innen ein, übernehmen Verantwortung und gestalten zahlreiche Angebote ehrenamtlich mit.“ Zugleich verweist sie auf die Bedeutung der Zusammenarbeit im Quartier: „In Kooperation mit der Gemeinde St. Petri und Pauli entstehen zusätzliche Angebote. Der offene Mittagstisch schafft Raum für Begegnung, Austausch und gelebte Gemeinschaft. Nach dem Motto ,Wir kennen uns und geben aufeinander acht‘ leben wir das diakonische Leitbild der Stiftung.“

Zur Georg-Behrmann-Stiftung gehören außerdem eine stationäre Wohneinrichtung und ein ambulanter Pflegedienst. Gemeinsam bilden sie ein Versorgungsnetz, dessen Angebote eng ineinandergreifen und die Bewohner*innen in unterschiedlichen Lebenssituationen unterstützen.

Kreativität und Vielfalt für die Gemeinschaft nutzen

Im Leja-Stift, in der Thadenstraße in Altona, ist Selbstverwaltung gelebter Alltag. Viele Aktivitäten werden von den Mieterinnen selbst initiiert, organisiert und über Jahre hinweg getragen. Sie pflegen gemeinsam Teile der Gartenanlagen, unterstützen sich nachbarinnenschaftlich und organisieren Flohmärkte. Auf dieser Grundlage wird das Engagement im Leja-Stift derzeit erstmals durch eine Teilzeitkraft im Stiftsbüro gezielt gestärkt und weiterentwickelt. So wird das zur Straße gelegene „Leja-Fenster“ unter dem Motto „Kunst und Mehr“ für das Quartier gestaltet. Zudem wird gemeinsam mit einer benachbarten Wohnanlage die kooperative Öffnung von Mieterinnen-Angeboten wie Tanzen und Töpfern erprobt. Auch Gemeinschaftsaktionen mit einer Grundschule sind in Planung. Solche gemeinsame Arbeit an Projekten erfordert die Bereitschaft, neue Wege zu erproben, gemeinsame Findungsprozesse zu durchlaufen und auch Enttäuschungen auszuhalten. Chancen und Grenzen der Mitwirkung müssen gemeinsam ausgelotet, Verantwortung geteilt und gemeinsam getragen werden.

Die Vielfalt der Gemeinschaft ist dabei eine besondere Stärke des Leja-Stifts: Mehr als einhundert Mieterinnen im Alter zwischen 29 und 88 Jahren bringen unterschiedliche Interessen, Erfahrungen und Fähigkeiten ein. Im sogenannten „Leja-Dorfrat“ bei den „Treffen unter der Kastanie“ und im „Offenen Büro“ werden Ideen diskutiert, gemeinsame Vorhaben entwickelt und Anliegen der Hausgemeinschaft besprochen. Mit der Einrichtung eines Gemeinschaftsraums soll ein weiterer Ort für Austausch, Begegnung und gemeinsames Gestalten entstehen.

Harriet Witte vom Stiftsbüro weiß: „Engagement für die Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen sich begegnen können. Ganz entscheidend sind dabei Offenheit und die Freude am Ausprobieren und natürlich Verlässlichkeit. Gemeinsame Angebote und kleine Umfragen zu Interessen und Zeitbudgets werden die Entwicklung des Nutzungskonzeptes für den Gemeinschaftsraum erleichtern.“

Auch im aktuellen Modernisierungsprozess eines Bestandsgebäudes setzt die Stiftung auf Transparenz und Beteiligung. Die umfassende Sanierung des mehr als einhundert Jahre alten Hauses umfasst neben Dach und Fassade auch die technische Infrastruktur sowie die Modernisierung der Wohnungen. Für den ehrenamtlichen Vorstand sowie die Wohnungsverwaltung war es von Beginn an wichtig, die betroffenen Mieterinnen frühzeitig einzubeziehen. Informationsveranstaltungen, Einzelgespräche und feste Ansprechpersonen schaffen Raum für Fragen, Wünsche und individuelle Lösungen. Wo möglich, konnten Bewohnerinnen bei Ausstattungsmerkmalen mitentscheiden oder eigene Modernisierungswünsche einbringen. Der Beteiligungsprozess ist für alle Beteiligten ein anspruchsvoller Lernprozess, verbunden mit dem Anspruch, auch in Zeiten komplexer Planungs- und Förderverfahren den sozialen Zusammenhalt zu stärken.

Die Leja-Stiftung versteht sich als reine Wohnstiftung und zeigt zugleich, wie selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter gelingen kann. Neben der Selbst- und Nachbarschaftshilfe sind eine gute Infrastruktur im Quartier sowie die Vernetzung mit sozialen, kulturellen und pflegerischen Angeboten wichtige Voraussetzungen dafür. Bestehende Kooperationen im Stadtteil sollen deshalb weiter ausgebaut werden. Im Jahr 2027 ist ein weiterer Beteiligungsprozess geplant, der die Identifikation mit dem „Leja-Dorf“ stärken und das Engagement im Quartier fördern soll. So entwickelt sich die Stiftung zunehmend zu einem Ort der Begegnung, des Austauschs und der Mitgestaltung und wird getragen von den Menschen, die dort leben.

Selbstbestimmt und miteinander im Stift leben

Im Nyegaard-Stiftin der Max-Brauer-Allee in Altona leben rund 70 Frauen ab 60 Jahren zusammen. Grundlage dieses Zusammenlebens ist die freiwillige Bewohnerinnenversammlung. Diese steht allen offen, die sich am Gemeinschaftsleben beteiligen möchten. Wer nicht teilnimmt, erfährt daraus keine Benachteiligung.

In der Bewohnerinnenversammlung werden Probleme besprochen, Lösungen gesucht und Ideen für das Miteinander entwickelt. Sie wählt zudem einen Beirat, der derzeit aus zwei Bewohnerinnen besteht. „Diese Vertretung ist eine Besonderheit des Nyegaard-Stifts, denn weder die Satzung noch das Stiftungsrecht sehen eine Bewohnerinnenvertretung vor. Es brauchte daher eine gewisse Gewöhnungszeit, bis sich die Zusammenarbeit zwischen Beirat, Vorstand und Verwaltung etablierte“, sagt Bewohnerin Sonja Chevallier. „Heute besteht eine konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit.“ Mehrmals jährlich finden gemeinsame Sitzungen statt.

Das Gemeinschaftsleben organisieren die Bewohnerinnen eigenständig. Die Stiftung stellt dafür eine Gemeinschaftswohnung mietfrei zur Verfügung, deren Nutzung und Gestaltung in den Händen der Frauen liegt. Gelegentlich unterstützt die Stiftung einzelne Aktivitäten mit einem kleinen finanziellen Zuschuss. Das Angebot ist vielfältig: Es gibt Spiele-, Kreativ- und Yoga-Gruppen, Kinoabende und einen Stammtisch. Die von Bewohnerinnen herausgegebene Stiftszeitung „Postille“ informiert über das Leben im Haus. In offenen Austauschrunden und Workshops werden Themen gemeinsam diskutiert und neue Ideen entwickelt. Besonders prägend ist auch das Engagement der Gartengruppe, die die Vorgärten der Häuser mit viel Liebe und Einsatz pflegt und in kleine grüne Oasen verwandelt.

Eine weitere Besonderheit des Nyegaard-Stifts ist die gemeinschaftliche Grabstätte am Diebsteich. Die Stiftung hat diese Möglichkeit geschaffen, die Pflege übernehmen die Bewohnerinnen selbst. So können Frauen, die dies wünschen, auch ihre letzte Ruhestätte in der Gemeinschaft finden – ein tröstlicher Gedanke für viele.

Mehr zum Hamburger Bündnis für Wohnstifte, seine Aktivitäten und Veranstaltungen unter www.hamburger-wohnstifte.de

Sabine Natebus ist Leiterin der Geschäftsstelle des Hamburger Bündnisses für Wohnstifte.

Der Beitrag entstand unter Mitwirkung von Sonja Chevallier (Nyegaard-Stiftung), Marlene Sobottka (Georg-Behrmann-Stiftung), Harriet Witte (Stiftsbüro der Leja-Stiftung) sowie Ulrike Petersen und Heinz Evers (Vorstand der Leja-Stiftung). Herzlichen Dank an alle Beteiligten!