Kategorien
Artikel Wohnprojekte für besondere Zielgruppen Wohnungspolitik

Ich würde mir wünschen, dass wir viel mehr solche Projekte haben

Interview mit Ralph Grevel, Geschäftsführer der Leben mit Behinderung Hamburg  Sozialeinrichtungen  gGmbH

*** Gesprächsführung Katrin Brandt ***

Leben mit Behinderung Hamburg (LmBHH) stärkt Menschen mit Behinderung auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Tragende Struktur ist der Leben mit Be­hinderung Hamburg Elternverein e.V.. Die Tochtergesellschaft Leben mit Behinderung Hamburg Sozialein­richtungen gGmbH steht Menschen mit Behinderung und ihren Familien mit Wohnraum, Arbeit, Assistenz und Beratung zu Seite. Mehrere Wohnprojekte der gGmbH wurden in der Planung und Realisierung durch STATTBAU HAMBURG be­gleitet. Die Neue Wohngemein­nützigkeit – so die Hoffnung – könnte es sozialen Trägern in Zukunft leichter machen, neuen und bezahlbaren Wohnraum für soziale Zwecke zu errichten.

Lieber Ralph Grevel, Leben mit Behinderung wurde vor über 65 Jahren von Eltern gegründet, um für ihre von Behinderung betroffenen An­gehörigen Unterstützung und gute Lebens- und Wohnformen zu erreichen. Ihr habt euch an zahlreichen Wohnprojekten beteiligt und ent­wickelt auch selber viele Wohnangebote, immer mit dem Ziel, möglichst viel Teilhabe und Selbst­bestimmung zu ermöglichen. In der inklusiven Hausgemeinschaft Shanghaiallee leben Men­schen mit und ohne Assistenzbedarf gemein­schaftlich zusammen. Kannst du uns etwas zu dieser Wohnform erzählen?

Ralph Grevel: Leben mit Behinderung Hamburg (LmBHH) steht dafür, dass Menschen mit Assistenz­bedarf selbstbestimmt leben können und das voll­zieht sich im Wohnen und im Alltag. In der Shanghai­allee wohnen Menschen mit Behinderung mit Stu­dierenden zusammen und erleben dort eine andere Form der Gemeinschaft. Das zeigt sich mit all den Vorteilen und schönen Dingen, die es dort gibt. Die Studierenden, die dort leben – wir nennen sie „All­tagsbegleiter*innen“ – kriegen eine vergünstigte Miete und machen dafür eine Alltagsbegleitung für einzelne Menschen mit Assistenzbedarf. Und das ist für beide Seiten ein Zugewinn: Die Studierenden er­leben sich in einer anderen Rolle und die Menschen mit Assistenzbedarf auch. Teilweise gab es aber auch überraschende Erfahrungen, zum Beispiel, dass Menschen mit Assistenzbedarf wieder aus­gezogen sind, weil sie es nicht ausgehalten haben mit den Studierenden so nah zusammenzuleben. Weil ihnen dabei klargeworden ist, was sie vermut­lich alles nicht haben werden in ihrem Leben – auch das gibt es. Aber der überwiegende Teil profitiert davon.

Wie lange bleiben denn die Studierenden in der Wohnung?

Bis zum Ende ihres Studiums. Wir haben noch nie Leerstand gehabt. Eher im Gegenteil, dass wir Stu­dierende überzeugen mussten, sich etwas Eigenes zu suchen. Es ist eine tolle Wohnlage und eine tolle Wohnform, so dass Leute ihr Studium abgeschlossen haben und trotzdem dort weiter wohnen wollten.

Das heißt die Leute wohnen nicht nur zusammen, sondern teilen auch ihren Alltag miteinander. Gibt es das woanders auch?

Ich wüsste nicht, dass es das in Hamburg in der Form woanders gibt. Aber bundesweit gibt es ver­schiedene Modelle und ich würde es sehr begrüßen, wenn wir solche Wohnformen auch hier weiter­entwickeln. Wir haben viele Menschen in Hamburg, die eine geistige und eine körperliche Behinderung haben. Für die gibt es derzeit eindeutig zu wenige Angebote. Da ist die Frage des Zusammenlebens nochmal an­spruchsvoller, aber wir halten das für möglich und wir würden das gerne in eine solche Richtung ausbauen.

Wir haben ja ein weiteres Projekt, dass wir – LmBHH und STATTBAU HAMBURG – zusammen bearbeiten, wo solche „Alltagshelfer*innen-WGs“ in eine Baugemeinschaft mit einziehen.

Ich würde mir wünschen, dass wir viel mehr sol­che Projekte haben. Darin liegt für mich – so ähn­lich wie man das in der Shanghaiallee erleben kann – der Begriff der Teilhabe. Menschen mit Assistenz­bedarf können über diese Kontakte mit den Alltags­begleiter*innen eine andere Form von Begegnung erleben. Zum Beispiel im Fußballverein oder beim Kicker spielen. Es geht aber auch um Teilgabe: Die Leute mit Assistenzbedarf haben etwas zu geben. Das sichtbar zu machen für viele andere, das ist ein Gewinn für alle.

Meinst du sowas lässt sich auch im normalen Wohnungsmarkt umsetzen?

Ehrlicherweise nein, das denke ich nicht. Das muss von Anfang mitgedacht und mitkommuniziert werden, dann hat es eine Chance zu funktionieren.

Als sozialer Träger übernehmt ihr eine Vermieter­rolle. Ist das nicht eine große Herausforderung? Wollt ihr Vermieter sein?

Nein, wir wollen nicht Vermieter sein! Wir ma­chen Assistenzleistung und Vermietung. Diese bei­den Pole haben wir und obwohl man das vertrag­lich immer gut trennen kann, ist das doch eine Ver­mischung. Wir sind eigentlich Sozialarbeiter*innen, Heilpädagog*innen und so weiter. Aber wir erleben sehr oft, dass klassische Investor*innen nicht für unser Klientel vermieten wollen. Das ist immer wie­der ein Problem.

Was sind eure Erfahrungen mit dem Wohnungs­markt in Hamburg?

Also der Wohnungsmarkt aus der Perspektive für Menschen mit Unterstützungsbedarf in Hamburg ist dramatisch schlecht. Insofern ist das erstmal eine nüchterne Anerkennung der Tatsachen: Viele Men­schen mit Unterstützungsbedarf haben nicht die ausreichenden Mittel, um mit diesem Wohnungs­markt Schritt zu halten und das Angebot an Sozial­wohnungen ist sehr begrenzt. Leider ist es immer noch so: je höher der Unterstützungsbedarf, desto geringer das Angebot. Das ist für eine reiche Stadt, wie Hamburg keine gute Situation. Es bedeutet, dass viele Menschen aus Hamburg wegziehen müssen und somit ihre letzten sozialen Bezüge wegbrechen. Die Eltern können zum Beispiel nicht jeden Tag nach Kiel oder nach Flensburg fahren, nur, weil es dort noch Angebote gibt. Außerdem kann ich aus unserem Er­leben und unseren Projekten sagen, dass es mir nicht logisch erscheint, dass eine Belegungsbindung nach 30 Jahren endet. Das ist widersinnig. Menschen mit Assistenzbedarf, um die wir uns bemühen, gelingt es nur in den seltensten Fällen innerhalb von 30 Jahren auf den ersten Arbeitsmarkt zu kommen – auch wenn sie in dieser Zeit selbständiger werden. Das heißt, sie können sich auch in 30 Jahren keine Wohnung auf dem freien Markt leisten. Ich finde das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Märkte eben nicht alles regeln.

Was müsste aus eurer Sicht im Bereich Wohnungsbau getan werden, damit ihr eure wich­tige Arbeit in Zukunft besser fortsetzen könnt?

Grundsätzlich erlebe ich, dass die Landschaft der Sozialwirtschaft aus sehr unterschiedlichen Gruppen besteht. Wir reden von Jugendlichen, von Migration und Flucht oder auch Menschen mit Behinderung. All diese Gruppen stehen im Drittelmix in Konkurrenz um das eine Drittel des sozialen Wohnungsbaus. Da würde ich mir schon wünschen, dass dieser soziale Bereich größer wäre in Hamburg. So wie es aktuell ist, reicht es nicht aus. Der Bedarf ist deutlich größer. Es ist außerdem für die am gemeinwohlorientierten Wohnungsbau Beteiligten schwierig zu entscheiden, wer einziehen soll: Menschen mit geistiger Be­hinderung, Personen mit psychischen Erkrankungen oder ist es lieber die Kita, die da reinkommt? Da ent­steht ein Wettbewerb, bei dem vorprogrammiert ist, dass bereits benachteiligte Menschen verlieren.

Ralph Grevel ist Geschäftsführer von Leben mit Behinderung Hamburg Sozialeinrichtungen gemeinnützige GmbH

zuerst veröffentlicht: FREIHAUS 27(2023), Hamburg